Aus der Asche, aus dem Staub!

Weimarer Jahre. Eine besondere Zeit. Deutschland vereint und frei, die erste Demokratie auf deutschem Boden.

1926 wurde die Spinnerei Huesker gebaut. Seit dieser Zeit begann sich Vreden auch industriell aus dem Dasein als Kleinstadt zu entwickeln. Wo vorher nur Stift und Pfarrkirche waren, wenige Häuser umrandet vom Butenwall, da entstand die Industrie. Damals waren es ungefähr 500 Arbeiter in ganz Vreden. Über 350 arbeiteten in der Spitze bei Huesker. Eine ganze Stadt hat dort gearbeitet. Ganz Vreden hat Geschichte an diesem Ort.

1926, das Baujahr der Spinnerei, das war auch die Zeit von „Babylon Berlin“. Und nicht nur in der beliebten Serie erkennt man gut, welche Mode, welches Design, welche Architektur diese Zeit ausmachte. Und die Kultur! Musik, Kunst, alles stand in größter Blüte. In Berlin der Jazz. Dix. Max Beckmanns größte Werke. Erich Kästner. Marlene Dietrich. Die deutsche Filmindustrie in Potsdam in größter Blüte, größer als Hollywood in Ihren jungen Jahren. Und dann kam der braune Mob und zerstörte alles. Entartete Kunst, Goebbels, Göring und Speer. Arno Breker, alles was „dem Führer gefiel“. Opportunisten, um endlich Ihre Kunst zu schaffen. Und Ihre Macht zu missbrauchen. Deutschland verlor die Freiheit und die Verführer gewannen.

Otto Dix: Großstadt, Tryptichon, Öl auf Leinwand 1927/1928, 180 x 402 cm, Kunstmuseum Stuttgart

Wenn wir uns die Spinnerei anschauen, dann sehen wir genau diese Jahre vor uns. Die Jahre vor dem großen Umbruch. Die Spinnerei war auch von der Weltwirtschaftkrise betroffen. Wie alles in Deutschland damals und es bereitete den entscheidenden Boden für die NSDAP. Und beinah hätten wir Sie vergessen. Wir wollen Sie abreissen. Weg damit, denn es nützt uns nichts mehr? So nicht, ja, aber wir wollen ja ein neues Leben für das Alte. Aus der Asche, aus dem Staub, dem Licht geraubt.

Vredener Textilarbeiter im Websaal von Huesker 1925, Foto W. Laurich, Vreden)

Wenn wir uns um die Alte Spinnerei bemühen, dann geht es auch um unsere eigene Vergangenheit. Um die Jahre der Freiheit, der Kunst und Kultur, als Deutschland in seiner Blüte stand. Thomas Mann, Max Planck, Liebig, Albert Einstein. Max Ernst. Billy Wilder. Heinrich George. Mies van der Rohe. Gropius und der Bauhaus. Die größten der Großen wurden vertrieben, geächtet, mußten sich dem Regime unterwerfen oder flohen. Oder sie landeten im KZ.

Fabrikant August Huesker, Erbauer der Spinnerei in Vreden, mit seiner Frau Franzis (Verlobungsbild)

Wenn wir die Alte Spinnerei retten, dann retten wir ein Stück unseres Erbes, auf dass wir mit gewissem Stolz blicken könnten. Auch wenn da die Scham ist, dass wir alle nichts tun oder zu wenig tun konnten, dass die Nazis alles zerstörten. Es gibt nur ganz wenige, die sich opferten und Helden wurden oder gar Heilige. Auch in Vreden wurden wir verführt und viel zu viele liessen sich auf das braune Schattenreich ein. Dass die Spinnerei im zweiten Weltkrieg nicht vernichtet wurde, ist ein Wunder, obwohl dort für die Rüstung gearbeitet wurde.

Wie durch ein Wunder steht sie da immer noch. Und nun ist es Zeit, dort wieder einen Platz für Kultur zu erschaffen. Für neues Leben, für die Arbeit und das Wohnen der Zukunft. Für die Kultur, die wir alle brauchen und damit die Populisten, Faschisten und Nazis nicht wieder das Ruder übernehmen. Denn dazu dienen Denkmäler letztlich – der Erinnerung. Und lebendige Erinnerungen, die leben fort. Ein wenig für ewig.

Weimar im Fernsehen: Babylon Berlin

4 Antworten auf „Aus der Asche, aus dem Staub!“

    1. Danke, Frau Dr. Bremer! Ich bin bester Dinge und die Vereinsmitglieder sind es auch. Aber es wird nicht einfach. Jede Unterstützung ist deswegen wichtig. Liebe Grüsse MB

  1. Ihr habt Euch eine Menge vorgenommen. Wenn es klappt, wird es ganz sicher eine große Bereicherung für Vreden und auch für die umliegenden Gemeinden. Ich drücke Euch die Daumen.

    Gruß aus Stadtlohn

    1. Vielen Dank! die Spinnerei ist derart groß, viele können nicht nur mitmachen, sondern Teil des Gebäudes werden. Die Entwicklung wird sicherlich einiges an Zeit brauchen, aber was lange wärt, wird sicherlich auch gut. jede Form der Unterstützung ist gut, auch moralisch für die lange Durststrecken!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.