Vredens industrielle Geschichte

Während der Recherche zum Denkmalschutz der Spinnerei Huesker staunen wir immer wieder. Die Bedeutung des Unternehmens Huesker für die wirtschaftliche Entwicklung der Stadt Vreden kann man gar nicht übertreiben. Und die Spinnerei ist ein gewichtiger Teil davon in einem großen Gebäudekörper. Schaut man sich an, dass von den gemeldeten 307 Arbeitnehmern in Vreden im Jahre 1904 ganze 230 bei Huesker arbeiteten, dann kann man durchaus sagen: Ganz Vreden hat einmal dort gearbeitet. Und somit sind viele Kinder und Kinderskinder der Familien dort ernährt worden, die heute die über 10.000 Industriearbeitsplätze in unserer Stadt besetzen. In der Spinnerei und Weberei Huesker wurde die Industriegeschichte maßgeblich geschrieben.

Nachdem die preussische Verwaltung im 19ten Jahrhundert erstmal die Errichtung einer Eisenbahnlinie beschlossen hatte, begann die rasante wirtschaftliche Entwicklung einer ganzen Region, die bislang als rückständig und arm galt. An den Nord/Süd Streckenverlauf war Vreden durch eine etwas komplizierte Gabelung angebunden worden. Die Stadt Vreden war zwar jahrhundertlang ein wichtiger geistlicher Ort, wirtschaftlich aber unbedeutend. Im frühen Mittelalter war das Damenstift sogar reichsunmittelbar, ein Status, der Unabhängigkeit und Freiheit bedeutete im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation. Städte wie Münster und Köln waren damit zu vergleichen, was sich viele Vredener heute sicher kaum vorstellen können. Nach den napoleonischen Kriegen aber herrschte in Vreden bitterste Armut, das reiche Damenstift wurde 1810/1812 aufgelöst. 2 Klöster schlossen ebenfalls, damit gingen auch den wenigen Handwerkern und Kaufleuten eine große Einnahmequelle verloren. Der Stadtbrand von 1811 tat sein übrigens für den immensen Niedergang dieser Jahre. Torfstecherei, harte Landwirtschaft in den nicht sonderlich fruchtbaren Böden mit Schweinemast, Töpferein, das waren die Haupteinkommensquellen für die Bevölkerung.

Die Population wuchs erst durch die Industrialisierung, dann aber schlagartig und immens zu Beginn der Jahrhundertwende vom 19 auf das 20. Jahrhundert. Vreden besaß 1871, dem Jahr der Reichsgründung, lediglich 1921 Einwohner. Das Dorf Ammeloe hingegen verfügte 1858 über 5049 Einwohner, weitestgehend landwirtschaftliche Betriebe prägten das Bild (s. hierzu Ralf Banken, Eisenbahn und Industrialisierung in Vreden, Beiträge des Heimatvereins Nr. 36). Ammeloe hatte 1913 nur 11 gewerbliche Betriebe. In Vreden wuchs die Zahl damals rasant, nach Huesker wurde Reering, Gressard, H. Terhalle & Söhne, die Firma Niessing, die Pickerfabrik Westfalia, die Westdeutsche Textil und Hecking im Jahre 1911 gegründet. Huesker aber besass immer zwischen 43 bis 96% aller gewerblich Beschäftigen. Das sollte man auch mit der Gesamtzahl der in der Baumwollindustrie beschäftigen Arbeitnehmer sehen, im ganzen Regierungsbezirk waren 8696 Personen beschäftigt (1914), davon 575 in Vreden und wiederum davon die Hälfte in Vreden.

1925 wurde dann mit dem Bau der Spinnerei erst begonnen und Hueskers Mitarbeiterzahl wuchs erneut massiv an. Der Heimatverein weist in seiner Schrift von Ralf Banken auf das psychologische Moment der industriellen Entwicklung hin: Während die meisten Vredener Unternehmer vorsichtig bis abwartend investierend, hielten sie Vreden für zu abgelegen und zu weit entfernt vom Ruhrgebiet, um wirklich zu investieren in größerem Umfang. Insbesondere die Transportkosten wurden überschätzt, das verstanden im 19. Jahrhundert nur Reering und August Huesker anders. Sie investierten höchst erfolgreich in dem Glauben, einen hervorrangenden Standort für Ihre Produktion zu haben und glaubten an den Erfolg Ihrer Produkte in ganz Deutschland. Ihre Geschichte ist ein Beleg für diesen unternehmerischen Mut, dessen größtes Werk das 1926 errichtete, erste Stahlbetongebäude dieser Art in Westfalen ist, die „Spinnerei Huesker“ in Vreden.

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