Nachbarschaftshäuser Teil 2: Greven

Mit Hilfe von einigen Bildern haben wir Projekte in unseren Nachbarstädten aufgezeigt, wo ebenfalls Hinterlassenschaften der frühen Industriegeschichte unserer Region aufgearbeitet wurden und ein zweites Leben bekommen haben. Bei der Recherche wurden wir auf das Beispiel aus Greven aufmerksam, wo erneut eine baugleiche Spinnerei umgewidmet wurde. Im Falle von Greven wurden es fast komplett im Gebäude grosszügige Loftwohnungen mit spektakulärer Aussicht. Und Attraktive dazu! Schauen Sie mal selbst, die Einrichtung ist zwar Geschmackssache, aber interessante Räume sind in solchen Gebäuden in jedem Falle möglich.

Jetzt erstmal ein paar Fotos aus Greven:

Wann Eigentumsrechte ihre Grenzen haben

In den Diskussionen um die Spinnerei wird uns öfter geraten, dass es sich bei der Spinnerei um das Eigentum der Firma L. Stroetmann handele. Deswegen kann die Politik schwer mit dem Verein oder Herrn Bußmann in Gespräche darüber treten. Man hat auch eine berechtigte Sorge darüber, wie dies für den Investitionsstandort Vreden von Außen bewertet werden würde. Genau dass ist in den Ereignissen rund um das Hafencenter in Münster ja auch der Fall, die Verlässlichkeit des Standortes und seiner Institutionen als Garant für einen Ordnungsrahmen steht zur Debatte. Die Denkart knüpft auch daran an, was im Münsterland eine besonders gepflegte Philosophie ist: Nur wer etwas auch besitzt, der kann damit tun, was er oder sie möchte. Ziel ist deswegen für viele Bürger und Unternehmen immer der Besitz, um die Einschränkungen einer Mietsache nicht haben zu müssen. Was im Allgemeinen zwar gilt, gilt jedoch nicht immer und damit befassen wir uns in diesem Artikel. Eigentumsrechte können natürlich und zwar ganz legal auf Basis unserer Verfassung nach Art. 14 GG. eingeschränkt werden. Rechtspraxis ist, dass dies sogar zum wirtschaftlichen Nutzen des Eigentümers geschehen kann.

Natürlich ist auch dem Verein klar, dass Eigentum ein per se zu schützendes Rechtsgut ist. Wir sehen uns in besonderer Weise der Rechtsordnung der Bundesrepublik Deutschland verpflichtet. Aber es gibt darüber hinaus noch bekannte andere Aspekte: Eigentum verpflichtet nämlich. Insbesondere dann, wenn es von öffentlichem Gewicht und Interesse ist. Besondere Güter die im privaten Besitz sind, können auch mit Zwang zu öffentlichen Gütern umgewidmet werden. Bekannt sind diese Themen aus Planungen von Autobahnen oder Stromtrassen, auch in Deutschland ist das Wort Enteignung gegen Ersatz ein legales Rechtsmittel. Wir reden allerdings nicht von Enteignung, der Verein widmet sich aktuell vor allem der Erhaltung der Spinnerei und NICHT einer Enteignung. Er will dazu prüfen lassen, ob bspw. Denkmalschutz ein sinnvolles Instrument ist, um das Gebäude zu erhalten und einer neuen Nutzung zuzuführen.

Die Eigentümer der Spinnerei, ob ehem. Huesker, ehem. Bierbaum oder aktuell L. Stroetmann (Lumax) wußten immer um das Gebäude und seine besondere Bedeutung. Architekten haben Ihnen aus Kenntnis der architekturhistorischen Bedeutung diese Situation immer wieder illustriert, beim Kauf wird Ihnen dies bewußt gewesen sein müssen. Jeder, der dieses Gelände besass oder besitzt weiß, dass er mit der Spinnerei nicht nur einfach ein altes Gebäude gekauft hat. Es gibt auch in der Geschichte der Stadt Vreden noch viel plastischere Beispiele, wo der klassische Eigentumsbegriff sinnvoll eingrenzt worden ist.

Anschaulich wird es auch bspw. bei Grundstücksgeschäften: Üblicherweise sollte eine Stadt heute Spekulation auf Grundstücke vermeiden, egal ob Wohnraum, Landwirtschaft oder Gewerbe. Ungenutzte Flächen, die über jahre brach liegen aus spekulativen Interessen heraus stören das öffentliche Wohl. Es steht einer Gemeinde deswegen an, Erwerber nach der Verwendung des Grundstückes zu fragen und diesen Käufer darauf zu verpflichten bis dahin, dass das ganze Grundstücksgeschäft rückgängig gemacht werden kann, wenn der Käufer den Auflagen nicht rechtzeitig nachkommt. Als 2010 der Rat der Stadt Vreden erlaubte, dass die Weberei auf dem Gelände (Eigentümer schon damals L. Stroetmann) abgerissen werden durfte, da tat sie das unter der Prämisse, dass dort Wohnraum geschaffen wird. Seit nun 10 Jahren ist der Eigentümer dieser Verpflichtung seines Eigentums aber nicht nachgekommen und die Frage ist, warum man den Eigentümer nicht darauf verpflichtet hat oder konnte. Denn in der Debatte und allen Unterlagen wird klar: die Stadt Vreden, der in Bürgerbeteiligung erstellte Flächennutzungsplan (FNP), die Politiker, sie alle wünschten sich sinnvolle Nachverdichtung an diesem Ort. Den Eigentümer haben sie aber nie dazu angehalten, sie taten es bis dato mit unverbindlichen Gesprächen. Dass Mehrparteienhäuser und sozialer Wohnungsbau in Vreden nötig sind, dass ist der Presse regelmäßig zu entnehmen. Aktuell stehen diese fehlen Wohnungen (oft zur Miete) einem gesunden Wachstum der Einwohnerzahlen entgegen. Auch muss eine Stadt aus räumlichen und städtebaulichen Erwägungen diese Fläche beplanen dürfen, der städtebauliche Entwicklungsplan hat nie einen Großmarkt an dieser Stelle vorgesehen und der Eigentümer wußte bei Kauf, dass die Stadt das nicht wollte. Er hat es aber dennoch versucht, leider schon 14 Jahre lang ohne wirklich weiter gekommen zu sein. Bis dato ist nur der Abriss der Weberei erreicht worden und das Freigelände steht da, Stand heute wird die Spinnerei weiter als Lager genutzt.

Eigentum ist einerseits verfassungsrechtlich geschützt, andererseits hebt das Grundgesetz aber auch die Sozialpflichtigkeit hervor – das heißt: Eigentum soll auch dem Allgemeinwohl dienen (Art. 14 GG). Generell erbringt Eigentum schon aus sich heraus Erträge für das Gemeinwohl, denn es schafft die Voraussetzung, damit eine Gesellschaft Freiheit und Wohlstand gleichzeitig verwirklichen kann. Dennoch ist es in einer arbeitsteiligen und komplexen Gesellschaft notwendig, die Verfügungsrechte über Eigentum zu beschränken, damit die Rechte anderer Individuen nicht beeinträchtigt werden. Beispiele hierfür sind etwa das Baurecht, das Arbeits- und das Sozialrecht. Einschränkungsgrad optimal ist, lässt sich nur schwer bestimmen. Fest steht jedoch: In einer liberalen Ordnung bedarf es wegen des Naturrechtscharakters keiner Rechtfertigung des Privateigentums. Vielmehr müssen umgekehrt staatliche Eingriffe in das private Eigentum immer wieder ausdrücklich und eingehend begründet werden. Das wäre auch beim Denkmalschutz der Alten Spinnerei natürlich zu leisten.

Schauen wir uns erneut die Gesamtsituation am Gelände an. Der Wohnbebauung steht eigentlich nur eines entgegen, der bislang nicht nachverträglich geplante und formulierte Wunsch des ortsfremden Investors, dort ein E-Center von aktuell 2.500 qm VK-Flächen plus Logistik- und Nebenflächen zu installieren. Einzelhandelskonzept, Verträglichkeitsgutachten der Wettbewerber, sie alle weisen nach, dass eine verträgliche Ansiedelung aktuell nicht möglich ist, die Verdrängungseffekte gingen in der letzten Fassung der CIMA von 30-40% Verdrängung im Einzugsbereich aus. Die Schädigung der Innenstadt wurde in den jüngsten Vorschlägen der Verwaltung, den zentralen Versorgungsbereich Innenstadt auszuweiten, damit in einer Art Kunstgriff umgangen, wenn der Rat dem denn zustimmt. Zwar würde es weiterhin Verdrängung geben, aber geschützt werden muss die Innenstadt vor der Verdrängung. Und wer in der Innenstadt ist, der verdrängt ja, rein formal gesehen, niemand. Aus Sicht des Vereins ist das ein Taschenspielertrick, wenn er denn so durchgeführt werden würde, natürlich gibt es für Anwohner dann die Gelegenheit im Rahmen des Bebauungsplanes die verwaltungsrechtliche Zulässigkeit gerichtlich überprüfen zu lassen – es droht hier ein jahrelanger Weg vor die Gerichte für alle Beteiligten.

Auch die Stellplatzanlage von ca. 160-180 Fahrzeugen ist groß dimensioniert, der städtische Busbahnhof droht zu verschwinden im Vergleich. Die Stadt risikiert auch städtebaulicher Sicht, dass mit einer Verbindung von Wohnen und Einkaufen an dieser Stelle eine echte zweite Innenstadt entsteht, diesmal aber in privater Hand. Weder am Markt noch am Domhof entsteht neues Leben, sondern auf dem Gelände des größeren Grundstückseigentümers. Die Verantwortlichen der Stadt Vreden wissen um die Bedeutung des Grundstückes, konnten aber bis dato nicht mehr erreichen als die Planungen des Investors Stroetmann so zu unterbinden.

Weitere Aspekte haben mit der Bedeutung des Gebäudes zu tun. Wer sich anschaut, um welche wichtige Bauperiode es sich handelt, wer das Gebäude aus Sicht des Denkmalschutzes beleuchtet und die Vredener Wirtschaftsgeschichte recherchiert, der kommt zu dem Schluß: Das Gebäude hat nicht nur für die Eigentümer eine Bedeutung, sondern für die Öffentlichkeit. Und deswegen sind die Eigentumsrechte hier, so will es die Verfassung unseres Staates, einschränkungsfähig.

Wir wollen nicht das Gebäude der wirtschaftlichen Nutzung entziehen, der Verein hat sich bis dato auch ganz klar für eine Nachverdichtung auf dem Gelände Stroetmann ausgeprochen. Stroetmann kann selbst Alternativen prüfen, aber aus Sicht des Vereins muss auch der Eigentümer ernsthaft Alternativen in seiner Planung mit der Vredener Spinnerei prüfen.

Vergleicht man das Gebäude mit Kunstwerken, dann ist der Vergleich verständlicher: Wer privat einen Van Gogh, Picasso oder Beckmann besitzt, der sollte das tun dürfen. Aber sollte er ihn auch vernichten dürfen und damit der Öffentlichkeit unwiderbringlich entziehen dürfen? Bei Kunst- und Bauwerken ist der Denkmalschutz aus diesen Gründen eingeführt worden. Eigentum verpflichtet. Und Eigentumsrechte gelten nicht unbegrenzt. Last but not least sprachen wir vom Nutzen einer Veränderung der Eigentumsrechte: Wenn der Eigentümer Denkmalschutz zugesprochen bekommt, so kann das tatsächlich zu seinem wirtschaftlichen Vorteil ausfallen: Für ein Denkmal gibt es stark erhöhte Abschreibungssätze (AfA), es gibt den Zugriff auf Förderungsprogramme und auch Erleichterungen in der Anwendung der Erneuerbaren Energieverordnung. All dies ist vorhanden, damit die höheren Aufwendungen in der Restauration und Erhaltung eines solchen Gebäudes für den Eigentümer attraktiv werden. Auch daran hat der Gesetzgeber gedacht, dass sollte also in der Diskussion bedacht werden.

Nachbarschaftshäuser

An Beispielen in der unmittelbaren Nachbarschaft zur Stadt Vreden möchten wir zeigen, was aus der Spinnerei für ein Schmuckstück werden kann. Wenn man es denn richtig macht!

Unser Beirat Hans-Georg Schepers war in Winterswijk und hat das dortige Gebäude fotografiert. Daran kann man erkennen, welche Aufwertung Stadt und auch die Nachbarschaft durch solch ein Gebäude erfahren kann.

Dazu gehört natürlich die handwerklich gelungene Aufarbeitung des Bestandes, architektonische Anpassungen und ein neues Nutzungskonzept. Daran arbeiten wir im Verein, denn es gibt nicht ein Standardkonzept, es gibt immer eine regionale Erfolgsmischung für eine Neunutzung. In Winterswijk gab es genügend Interessenten für hochwertige Wohnungen sowie Büroflächen auf der unteren Ebene, die mit kulturellen Veranstaltungen vermischt werden können. Für eine ausschließliche Nutzung dieser Art ist die Spinnerei wohl in Vreden zu groß.

In Nordhorn ist das Konzept anders. Im NINO-Hochbau geht mehr um Arbeit statt Wohnen. Dort hat man das Kompetenzzentrum Wirtschaft angesiedelt. Es sind dort vor allem Freiberufler und hochwertige Dienstleistungen (Steuerberater, Wirtschaftsprüfer, Planer, Arichtekten, Ingenieurbüros, Wirtschaftsförderung, usw.) ansässig. Dazu gibt es in Nordhorn ein kleines Museum, aber das ist nicht ansatzweise so groß wie das Textilmuseum des LWL in Bocholt. In den Kreativquartieren in Dorsten und Hamm findet neben vielen Büros für Startups viel kulturelles Angebot seinen Platz: Kneipen, Restaurants, Bar, Discothek oder Club. Die richtige Mischung für Vreden auszutarieren, daran arbeiten wir im Verein. Ausgang war die Vision von Markus Bußmann, was aber nicht der Weisheit letzter Schluss ist, sondern ein Angebot zur Kooperation mit anderen Ideenträgern.

Vreden hat bis dato keines seiner industriellen Gebäude aus der Gründerzeit einer neuen Nutzung zugeführt. Kein komplettes Gebäude , ausser die Spinnerei Huesker, ist mehr vollständig erhalten; es gibt noch die vorderen Büroräume der Firma Hecking an der Stadtlohner Straße (Janine Design), kleine Reste bei Niessing. Doch wie schon beim Bahnhof, bei Cohaus, beim Josefshaus und anderswo: In Vreden muss altes gehen. Das Neue erreicht aber eher selten eine architektonische Qualität, die das Alte ersetzt. Die wirtschaftlichen Erwägungen sind offensichtlich vorrangig vor funktionalen, gestalterischen oder skulpturalen Merkmalen.

Vreden braucht das richtige Nutzungskonzept. Aber wir brauchen auch überhaupt noch eine Chance, solch ein Projekt zu verwirklichen. Dafür muss der Abriss jetzt verhindert werden! Helfen Sie mit, eine echte Debatte in Vreden zu ermöglichen, wohin Vreden geht.

Aus Alt mach Neu!

Nicht alle Vredener sind begeistert, was die Neue Vredener Spinnerei an Ideen entwickelt. Sie sehen vor allem eines, einen riesigen alten Klotz vor Ihrer Haustür. Das trifft besonders auf einige besorgter Anwohner zu, die im Schatten des Gebäudes gebaut haben und leben. Auch Anwohner haben die Vorschläge von Stroetmann geteilt, dass Sie lieber Licht wollen und das alte Ding nicht mehr sehen können. Wir sehen das genauso.

So wie das Gebäude jetzt aussieht, so darf es auch nicht bleiben. Licht in das alte Gemäuer! Die Fenster müssen wieder rein, denn sie waren einmal riesig groß. Und die Fassade ist im Eimer – sie muss ebenfalls wieder hergestellt werden. Wir brauchen keinen alten Klotz, wir brauchen ein renoviertes Gebäude in strahlendem Farbton! Und im Gebäude soll Lebendigkeit sein, aber verträglich für die Nachbarschaft. Keine lautstarke Disco, sondern Kultur und Genuß, der auch die Nachbarschaft bereichert.

Der "Klotz" 2010 bei Abriss der Weberei
Der „Klotz“ 2010 bei Abriss der Weberei

Für eine verlässliche technische Planung brauchen wir echte Baupläne. Aktuell hat uns die Denkmalbehörde noch keine Planungsunterlagen gegeben. Im Kult in Vreden lagern die alten Pläne als Blaupausen nun fast schon 100 Jahre im Archiv. Und auch wenn das Urheberrecht am Gebäude des Architekten erloschen ist, so verfügt der Eigentümer L.Stroetmann aus Münster über die wirkliche Planungshoheit. Das ist sein gutes Recht. Und wir hoffen ja, dass er Planungen mit der Alten Spinnerei entwickelt, statt sie abzureissen. Wir können nicht fremdes Eigentum verplanen. Aber Ideen und Träume sind nicht verboten. Deswegen zeigen wir an Beispielen von unserer Nachbarstadt Winterswijk und Nordhorn, wie sowas aussehen kann. Vorher – nachher – heute. Und was daraus werden kann.

Vielleicht lassen sich diejenigen, die jetzt für den Abriss sind, später mal überzeugen, dass man es auch gut machen kann. Aber schauen wir uns vorher an, wie gut es unsere Nachbarn gemacht haben. In Winterswijk kann man schon jetzt sehen, wie so ein Gebäude wieder schick werden kann. Neben diesem Gebäude kann man sicher ganz gut wohnen. Und leben.

Über 800 Unterschriften in 10 Tagen!

Danke liebe Unterstützer!

Über 800 Unterschriften in 10 Tagen und das sind nur die Online-Unterschriften. Sogar im Altenheim St. Georg wurde eine Liste angefragt! Dort hing noch ein Foto der Alten Spinnerei Huesker und einige Bewohner können sich noch sehr gut erinnern, wie es war dort zu arbeiten.

Anbei zum Download für alle hier als PDF und wer will, der kann es auch direkt online unterzeichen. Nicht mehr viele Unterschriften und wir können ein Bürgerbegehren an den Rat der Stadt Vreden übermitteln!

Aus der Asche, aus dem Staub!

Weimarer Jahre. Eine besondere Zeit. Deutschland vereint und frei, die erste Demokratie auf deutschem Boden.

1926 wurde die Spinnerei Huesker gebaut. Seit dieser Zeit begann sich Vreden auch industriell aus dem Dasein als Kleinstadt zu entwickeln. Wo vorher nur Stift und Pfarrkirche waren, wenige Häuser umrandet vom Butenwall, da entstand die Industrie. Damals waren es ungefähr 500 Arbeiter in ganz Vreden. Über 350 arbeiteten in der Spitze bei Huesker. Eine ganze Stadt hat dort gearbeitet. Ganz Vreden hat Geschichte an diesem Ort.

1926, das Baujahr der Spinnerei, das war auch die Zeit von „Babylon Berlin“. Und nicht nur in der beliebten Serie erkennt man gut, welche Mode, welches Design, welche Architektur diese Zeit ausmachte. Und die Kultur! Musik, Kunst, alles stand in größter Blüte. In Berlin der Jazz. Dix. Max Beckmanns größte Werke. Erich Kästner. Marlene Dietrich. Die deutsche Filmindustrie in Potsdam in größter Blüte, größer als Hollywood in Ihren jungen Jahren. Und dann kam der braune Mob und zerstörte alles. Entartete Kunst, Goebbels, Göring und Speer. Arno Breker, alles was „dem Führer gefiel“. Opportunisten, um endlich Ihre Kunst zu schaffen. Und Ihre Macht zu missbrauchen. Deutschland verlor die Freiheit und die Verführer gewannen.

Otto Dix: Großstadt, Tryptichon, Öl auf Leinwand 1927/1928, 180 x 402 cm, Kunstmuseum Stuttgart

Wenn wir uns die Spinnerei anschauen, dann sehen wir genau diese Jahre vor uns. Die Jahre vor dem großen Umbruch. Die Spinnerei war auch von der Weltwirtschaftkrise betroffen. Wie alles in Deutschland damals und es bereitete den entscheidenden Boden für die NSDAP. Und beinah hätten wir Sie vergessen. Wir wollen Sie abreissen. Weg damit, denn es nützt uns nichts mehr? So nicht, ja, aber wir wollen ja ein neues Leben für das Alte. Aus der Asche, aus dem Staub, dem Licht geraubt.

Vredener Textilarbeiter im Websaal von Huesker 1925, Foto W. Laurich, Vreden)

Wenn wir uns um die Alte Spinnerei bemühen, dann geht es auch um unsere eigene Vergangenheit. Um die Jahre der Freiheit, der Kunst und Kultur, als Deutschland in seiner Blüte stand. Thomas Mann, Max Planck, Liebig, Albert Einstein. Max Ernst. Billy Wilder. Heinrich George. Mies van der Rohe. Gropius und der Bauhaus. Die größten der Großen wurden vertrieben, geächtet, mußten sich dem Regime unterwerfen oder flohen. Oder sie landeten im KZ.

Fabrikant August Huesker, Erbauer der Spinnerei in Vreden, mit seiner Frau Franzis (Verlobungsbild)

Wenn wir die Alte Spinnerei retten, dann retten wir ein Stück unseres Erbes, auf dass wir mit gewissem Stolz blicken könnten. Auch wenn da die Scham ist, dass wir alle nichts tun oder zu wenig tun konnten, dass die Nazis alles zerstörten. Es gibt nur ganz wenige, die sich opferten und Helden wurden oder gar Heilige. Auch in Vreden wurden wir verführt und viel zu viele liessen sich auf das braune Schattenreich ein. Dass die Spinnerei im zweiten Weltkrieg nicht vernichtet wurde, ist ein Wunder, obwohl dort für die Rüstung gearbeitet wurde.

Wie durch ein Wunder steht sie da immer noch. Und nun ist es Zeit, dort wieder einen Platz für Kultur zu erschaffen. Für neues Leben, für die Arbeit und das Wohnen der Zukunft. Für die Kultur, die wir alle brauchen und damit die Populisten, Faschisten und Nazis nicht wieder das Ruder übernehmen. Denn dazu dienen Denkmäler letztlich – der Erinnerung. Und lebendige Erinnerungen, die leben fort. Ein wenig für ewig.

Weimar im Fernsehen: Babylon Berlin

Denkmalschutz: Aktuelle Perspektiven

Um die Einschätzungen zur Denkmalwürdigkeit der Spinnerei Huesker besser zu beleuchten, haben wir in unserer Sitzung am 16. Oktober das Gebäude und seine Geschichte diskutiert (s.u. Auszüge SlideShare).

Der Bürgermeister hatte am 10. Oktober in seiner Stellungnahme im Rat auf ein Gutachten des LWL verwiesen. Vorher hatte Herr Bußmann den Rat aufgefordert (Antrag vom 03.10.2019), einen vorläufigen Denkmalschutz zu bescheiden. Auch wurde bekannt, dass ein Bürger diesen Antrag schon vorher gestellt hatte. Darüber wurde aber aus formellen Gründen im Rat am 10. Oktober nicht debattiert. Die Stellungnahme des LWL ist bis dato nicht öffentlich zugänglich. Wir müssen also in vielen Punkten mutmaßen, welche Beweggründe die Verwaltung dazu führen, einen Abriss zu riskieren und was sie hindert, das Gebäude zumindest vorläufig zu retten, so dass die Diskussion ordentlich geführt werden kann.

Der Rat der Stadt Vreden will am 21. November über das Thema beraten; ob er vorher uns als Verein, entsprechende Experten, sachkundige Bürger, die obere Denkmalschutzbehörde, das Bauministerium NRW, die Stiftung Bauhaus in Dessau konsultiert oder andere Institutionen, das ist unklar. Deswegen müssen wir mit dieser Informationslage realistischerweise annehmen, dass es auch Interessen gibt, das Gebäude nicht zu schützen und es für bestimmte Planungen auch abzureissen.

Wir können uns nicht ernsthaft um das Gebäude und die Nutzung bemühen, wenn der Erhalt andererseits schon kurzfristig in Frage steht oder absolut im Unklaren gelassen wird. Eine klare Aussage für den Schutz des Gebäudes seitens Verwaltung oder des Bürgermeisters haben wir nicht vernommen (siehe Ratsprotokoll 10. Oktober 2019).

Deswegen wollen wir aus dieser Unsicherheit heraus nun tätig zu werden. Wir gehen davon aus, dass das Risiko des Abrisses weiter akut besteht und die Warnung, es ist 5 vor 12, weiterhin gültig ist. Gerne würden wir die Erkenntnisse der Mitglieder mit Einschätzungen von Experten oder Veröffentlichungen des Heimatvereins diskutieren, auch die Stellungnahme des LWL wird dann relevant. Dafür aber braucht es Zeit, die die verschiedenen Akteure aber bislang nicht hatten.

Wir haben deswegen gut daran getan, eigene Untersuchungen anzustrengen. Aus der Bevölkerung sind uns fachkundige Beiträge zugegangen, die wir für diskussionswürdig halten. Bis dato fühlen sich die Mitglieder bestätigt: Das Gebäude ist für Vreden aus u.a. industriekultureller und wirtschaftsgeschichtlicher Sicht bedeutsam und erhaltenswert; sowohl die regionale Wirtschaftsgeschichte wie die europäische Industriearchitektur lassen sich eindeutig am Gebäude verorten, der Denkmalwert erscheint uns eigentlich offensichtlich.

Markus Bußmann hat einen ausführlichen Antrag beim Rat eingereicht. Dieser dient der Konsultation und dem Gespräch. Wir möchten als unser Ziel den vorläufigen Denkmalschutz positiv beschieden sehen, um überhaupt über eine Alternative reden zu können. Vergleichbare Gebäude wie NINO-Hochbau in Nordhorn, Winterswijk, Antwerpen, Dorsten, Hamm, usw. bieten dafür genügend interessante Fragestellungen und Optionen. Und sie zu besuchen, also sich die Alternativen praktisch vor Auge zu führen, am besten mit Fraktionen und dem Rat, macht aus unserer Sicht Sinn. Der Schutz des Gebäudes steht aktuell für die Mitglieder absolut im Vordergrund.

Ohne vorläufigen Denkmalschutzes versäumt die Politik vielleicht die Chance, die Sache ernsthaft zu diskutieren und die Perspektive von uns und anderer Institutionen, Unternehmer, Betreibern oder Bürgern ordentlich zu bewerten. Warum nach 14 Jahren Stillstand und den Ereignissen aus Münster (Hafencenter) nun schnelle Tatsachen geschaffen werden sollen, ist für uns schwer nachzuvollziehbar. Denn erst jetzt kann zumindest über eine Alternative oder mehrere Alternativen wirklich diskutiert werden. Weder Politik noch Verwaltung hatten vorher Varianten entwickelt, deswegen sollte jeder Vorschlag, der jetzt kommt, auch eine Debatte wert sein – Ausgang, soviel Ehrlichkeit muss sein, ist auch dann immer noch offen.

Eine partizipative Lösungsvariante ist eine weitere Alternative, aus Sicht von Herrn Bußmann droht bei „Abwürgen der Diskussion“ der Frust der Bürger. Gegen die Bürger zu planen, davon geht auch der Verein aus, kann man nicht zukunftsfähig und langfristig planen und städtebauliche Qualität in der Stadt erreichen.

Wir möchten das Gebäude zumindest solange vorläufig schützen, bis man sich in Ruhe und mit Weitsicht über über den Sachverhalt, die Alternativen und Nutzungsmöglichkeiten informiert hat. Dafür steht dieses Webangebot zur Verfügung, unabhängig von den Gesprächen mit Herrn Bußmann als Person. Viele Bürger wollen eine Wohnbebauung / Nachverdichtung und auch sozialer Wohnungsbau soll dort kommen. Nur muss dass mögliche Opfer die Innenstadt sein? Auch für Herrn Bußmann ist eine Lösung in 2020 nötig, nicht erst in 2030 oder später. Die Skepsis, die anfänglichen Ressentiments, das ist alles gut begründet und sollte besprochen werden. Das alles braucht Zeit, um überhaupt zu wirken. Also warum jetzt nicht erst reden, bevor die Abrissbirne kommt? Das ist die Situation, in der wir stehen.

Alle Interessen, so unser Eindruck, auch die der Unterstützer, brauchen eine gewisse Zeit für eine geordnete Diskussion. Der 21. November erscheint zu früh für eine Entscheidung für oder gegen Abriss, wenn die Alternativen nicht besprochen werden.

Seit 14 Jahren ist absolut nichts am Grundstück ehem. Bierbaum passiert. Wieviel Zeit räumen wir also der Debatte ein? Muss abgerissen werden oder können wir über die Alternativen in Ruhe reden? Diese Frage stellt sich der Politik.

Petition: Rettet die alte Spinnerei!

Am 6. Oktober 2019 (Erntedank) startete Markus Bußmann eine Petition auf der Plattform WeAct. Diese wurde auch in Schriftform von Freiwilligen ausgelegt zur Unterschrift. Sie können die Unterschriftenliste zum Ausdrucken gerne herunterladen und auch weiterhin Unterschriften sammeln.

Am 10. Oktober, nach nur 4 Tagen, hatten bereits 691 Bürger dieser Petition zugestimmt und sie online geteilt und verbreitet. Ein klares Zeichen des Interesses der Vredener Bürger, dass über die Pläne zur Neuen Vredener Spinnerei beraten werden sollte.

Link: https://weact.campact.de/petitions/rettet-die-alte-spinnerei-vor-dem-abriss

Herzlich Willkommen!

Dieser Blog ist ein Informationsangebot zur Erhaltung und Rettung der „Alten Spinnerei Huesker“ in Vreden, einer Mittelstadt im Münsterland (Westfalen) an der holländischen Grenze. Die Spinnerei ist ein  denkmalwürdiges Avantgardegebäude der Industriearchitektur aus dem Jahr 1926 (Neues Bauen/Bauhaus). Sie ist höchst bedeutend für die Stadtgeschichte Vredens. Wir wollen den Abriss verhindern, da das Gebäude den Plänen des Eigentümers für einen Großmarkt (E-Center) samt Mall im Wege steht. Wir streben an dieses Gebäude mit einer neuen Nutzung versehen, das Gebäude zu sanieren und eine Gestaltung, an der alle Bürger partizipieren können.

Das Informationsangebot ist privat, es dient der Idee Neue Vredener Spinnerei und will die Wiederbelebung unterstützen. Wir setzen uns dafür ein, mit der Spinnerei H. & J Huesker Co die Vergangenheit zu bewahren, Räume für die Gegenwart zu öffnen und Inspirationen für die Zukunft mit allen zu teilen. Wir fördern damit die Gemeinschaft aller Vredener Bürger, denjenigen, die dort wohnen, die dort herstammen und die die Stadt immer noch im Herzen tragen.

Seien Sie eingeladen, sich für diese Ideen zu interessieren! Informieren Sie sich hier, unterstützen Sie uns nach Ihren Möglichkeiten. Jeder Unterstützter dieser Idee ist uns herzlich willkommen!